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Nathan der Weise

Dramatisches Gedicht in fünf Akten
Neuinszenierung

Leading Team

Ulrich Rasche Regie und Bühne
Manuel La Casta Mitarbeit Bühne
Nico van Wersch Komposition
Sara Schwartz Kostüme
Alon Cohen Licht
Marcel Braun Ton
Sebastian Huber Dramaturgie
Toni Jessen Chorleitung

Besetzung

Nicola Mastroberardino Sultan Saladin
Judith Engel Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
Gina Haller Recha, dessen angenommene Tochter
Almut Zilcher Daja, eine Christin
Mehmet Ateşçi Ein junger Tempelherr
Toni Jessen Der Patriarch von Jerusalem
Yannik Stöbener Ein Klosterbruder
und anderen



ZUR PRODUKTION
„Was sind wir Menschen?“

Bereits in der ersten Szene von Nathan der Weise stößt man auf die Frage nach „uns“ Menschen. Sind „wir“ zuerst Menschen, so könnte man sich die Frage übersetzen — oder vorrangig Lebewesen mit Eigenschaften, anhand derer wir uns unterscheiden (lassen)? Hannah Arendt hat in ihrer berühmten Lessingpreisrede aus dem Jahr 1959 an einem kleinen Beispiel die Dialektik von Gleichheit und Differenz entwickelt:

So wäre es etwa unter den Verhältnissen des Dritten Reiches im Falle einer Freundschaft zwischen einem Deutschen und einem Juden nicht ein Zeichen von Menschlichkeit gewesen, wenn die Freunde gesagt hätten: Sind wir nicht beide Menschen? Damit wären sie der Wirklichkeit und der ihnen gemeinsamen Welt bloß ausgewichen […]. Im Sinne einer Menschlichkeit, welche die Wirklichkeit nicht wie den Boden unter den Füßen verloren hat, nämlich einer Menschlichkeit inmitten der Wirklichkeit der Verfolgung, hätten sie schon sagen müssen: ein Deutscher und ein Jude, und Freunde. Wo immer aber eine solche Freundschaft damals (natürlich nicht etwa heute!) gelang […] war in der Tat ein Stück Menschlichkeit in einer unmenschlich gewordenen Welt verwirklicht worden.

„Ein Deutscher und ein Jude, und Freunde“ — wie viele Einwände wären heute gegen eine solche Formulierung zu machen, da die Differenzen die Gemeinsamkeiten allenthalben zu überwiegen scheinen. Wertvoll und für die Lektüre von Nathan der Weise anregend ist die kurze Passage in zweierlei Hinsicht: Erstens stellt sie fest, dass Differenzen von der jeweiligen politischen Wirklichkeit abhängig und nicht naturgegeben sind — außerhalb der Welt der Verfolgung soll die beiden Angehörigen der unterschiedlichen Gruppen nichts daran hindern, einander als Menschen und Freunde zu begegnen; vielmehr benötigt, zweitens, jede Begegnung mindestens die Perspektive der Freundschaft, wenn sie sich einer unmenschlich gewordenen Welt nicht umstandslos fügen und ihrerseits unmenschlich sein will.

Nathan der Weise, Lessings letztes und mit Sicherheit berühmtestes Stück, ist die Geschichte eines Scheiterns. In einer von Ab- und Ausgrenzungen bestimmten Gesellschaft im Kriegszustand, dem Jerusalem des Dritten Kreuzzugs, wird ein reicher jüdischer Kaufmann vor den Sultan gerufen, der dringend seine Kriegskasse auffüllen muss. Um festzustellen, ob Nathan dem muslimischen Kriegsherrn „freiwillig“ Geld zu leihen bereit ist oder ob man ihm sein „Gut und Blut“ mit Gewalt nehmen muss, legt ihm der Herrscher die Frage vor, welche der drei monotheistischen Religionen die „wahre“ sei. Nathan antwortet mit der berühmten Parabel von den drei Ringen, mit denen ein unschlüssiger Vater seine drei Söhne unabhängig voneinander als den ihm liebsten auszeichnet. Die Pointe des „Märchens“ besteht darin, dass wohl keiner der drei Ringe der echte, „wahre“ ist. Alle drei Religionen sind in diesem einen Punkt ununterscheidbar — in ihrer Entfernung von und ihrem Streben nach der Wahrheit. Die Geschichte ist ein Erfolg und der Sultan tief beeindruckt. Nathan „darf“ ihm daraufhin den zur Fortführung des Krieges dringend benötigten Kredit anbieten.
Die Erfahrung, die Nathan im weiteren Verlauf macht, ist allerdings eine andere. Im Konflikt um seine christlich getaufte und von ihm jüdisch erzogene Ziehtochter Recha vermitteln nicht Toleranz und gegenseitige Anerkennung zwischen den Ansprüchen der verschiedenen Religionen. Vielmehr müssen zufällige familiäre Verbindungen zwischen ihr, dem christlichen Tempelherrn und dem muslimischen Sultan für Versöhnung sorgen. Es ist keine Menschheitsfamilie, die sich da findet, denn der Jude gehört (wieder einmal) nicht dazu. Was die komplizierte Familienzusammenführung allerdings mit sich bringt, ist eine fundamentale Verunsicherung der Identitäten: Kaum eine der Hauptfiguren ist am Ende des Stückes noch die, die sie am Beginn zu sein glaubte. Diese Unsicherheit enthält ein starkes Argument gegen die nun als zufällig ausgewiesenen Ab- und Ausgrenzungen des Anfangs. Es hilft aber Nathan offensichtlich nicht, dessen Erzählung von den drei Ringen im Verlauf des Dramas ohne weitere Folgen bleibt.

Sebastian Huber



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